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Nein zur NoBillag-Initiative ist besser für Arbeitnehmende

Am 4. März stimmen wir über die NoBillag-Initiative ab und damit über die Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren. Aus Sicht der Arbeitnehmenden muss diese radikale Initiative klar abgelehnt werden. Ohne Gebühren können finanzstarke Unternehmen die Berichterstattung beeinflussen und die Stimme der Arbeitnehmenden ausschalten. mehr

Im Frühling 2014 hat der damalige SVP-Nationalrat Mörgeli mit einem parlamentarischen Vorstoss gefordert, dass die Leitungsgremien der SRG nach der Wählerstärke der Parteien besetzt werden sollen. Die SVP als wählerstärkste Partei würde so den Generaldirektor stellen. Er hat den Vorstoss nach der medialen Berichterstattung allerdings im Herbst des gleichen Jahres wieder zurückgezogen. Offenbar hat er gemerkt, dass die SRG eben kein Staatsbetrieb ist und von einem unabhängigen Verein nach ZGB Art. 60 ff. geführt wird. Bereits im Jahr 2000 hat der gleiche Nationalrat die Abschaffung der Empfangsgebühren gefordert – also genau das, worüber wir am 4. März 2018 mit der mit der NoBillag-Initiative abstimmen. Den Befürwortern der Initiative geht es in erster Linie um Macht.

Die Journalistinnen und Journalisten arbeiten nach publizistischen Leitlinien und sind kraft der Verfassung verpflichtet, sachgerecht die Vielfalt der Meinungen zum Ausdruck zu bringen. Obwohl immer wieder versucht wird, Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen, sind die Redaktionen in ihrer Berichterstattung frei. Das veranschaulichen die Konsumentensendungen sehr gut: Obwohl die Detailhändler grosse Fernseh-Werbekunden sind, wird im „Kassensturz“ oder bei „A bon entendeur“ kritisch über ihre Produkte berichtet. Diese kritische Berichterstattung über Wirtschaft und Politik ist nur dank der Unabhängigkeit der SRG möglich. Erst das Gebührensystem ermöglicht diese wichtige Unabhängigkeit.

Unabhängigkeit und objektive Information sind in Gefahr

Ohne Gebühren wären die audiovisuellen Medien nur noch auf Abo- und Werbeeinnahmen angewiesen. Wer so abhängig ist, kann nicht mehr objektiv berichten. Bei kleinen Zeitungen ist es schon heute gang und gäbe: Wer ein Inserat schaltet, erhält einen Artikel im redaktionellen Teil. Auf die Werbekunden müssen die Journalistinnen und Journalisten Rücksicht nehmen. Verlören die audiovisuellen Medien ihre heutige Unabhängigkeit, ist die Gefahr gross, dass die Unternehmen und die finanzstarken Kreise im Land bestimmen würden, worüber berichtet wird. Sie könnten erreichen, dass über sie keine kritischen Beiträge mehr erscheinen. Über die Anliegen der Arbeitnehmenden würde kaum mehr informiert. Die Berichterstattung über GAV-Verhandlungen könnte einseitig zu Gunsten der Arbeitgeberseite erfolgen. Was wahr und was falsch ist, könnte so beeinflusst werden (Fake-News!). Das ist für unser Zusammenleben, für unsere Demokratie gefährlich.

In unserem politischen System ist es wichtig, dass alle Bürgerinnen und Bürger gleich und objektiv informiert werden. Bei einer Annahme der NoBillag-Initiative würden die Vorgabe der sachgerechten Darstellung und die Pflicht, die Vielfalt der Meinungen angemessen zum Ausdruck zu bringen, entfallen. Es gäbe somit kein Medium mehr, dass die Basisinformation liefert und national im Fernsehen sachgerecht über die Schweiz berichtet. Die Meinung der Minderheiten hätte keinen Platz mehr. Wer viel Geld hat, kann sich einfach die Meinung des Volkes kaufen. Wollen wir das wirklich?

Angebot wird ohne Gebühren teurer

Bei einem Ja würden über 6000 Arbeitsplätze bei der SRG und Privaten wegfallen, da die Schaffung eines Bezahlsystems für die heutigen Leistungen der Anbieter in dieser kurzen Zeit nicht möglich ist. Und sogar wenn sie möglich wäre: Die Einnahmen aus dem Verkauf der Abos für einzelne Sendungen wie die Tagesschau oder für Sportsendungen würden nicht ausreichen, um das bisherige Angebot zu erhalten. Ein vergleichbares Angebot für die Westschweiz oder die italienischsprechende Bevölkerung wäre nicht mehr finanzierbar. Nur dank den Gebühren aus der Deutschschweiz ist der Service public in allen vier Landessprachen finanzierbar. Auf dem freien Markt würden die Kosten für die einzelnen Konsumentinnen und Konsumenten viel höher ausfallen als 365 Franken pro Jahr oder rund 31 Franken pro Monat. Was die Bezahl-Angebote kosten, können wir nicht nur im Ausland beobachten: So kostet der Sportsender Mysports, der ausschliesslich die Eishockey-Spiele der Schweizer Liga ausstrahlt, 25 Franken pro Monat!

Die Forderung der Initianten, wir sollten nur für das bezahlen müssen, was wir auch konsumieren wollen, ist nicht umsetzbar. Die Fixkosten sind im Fernsehgeschäft immer noch sehr hoch, wenn die Qualität des Angebots gehalten werden soll. Ohne Gebühren produziert in der Schweiz niemand ein ähnliches Medienangebot wie heute, das via Fernsehkanal oder Internet konsumiert werden kann. Und auch wenn es noch ein kleines Gratis-Angebot geben würde, würde dieses von so viel Werbung begleitet, dass niemand mehr zuschauen würde. Damit würden die Werbeinnahmen einbrechen und das Angebot müsste noch mehr eingeschränkt werden. Es gäbe auch kein werbefreies Radio mehr. Heute ist der SRG Werbung auf ihren Radiokanälen gesetzlich verboten. Das würde sofort ändern: Ein nationales Radio ohne Gebühren kann nur mit viel Werbung finanziert werden, und das indem gleichzeitig das Informationsangebot verkleinert wird. Eine Bezahlschranke existiert weder im UKW- noch im DAB-Radio.

Kein Kontrolle der Politik und keine Schweizer Angebote mehr

Ohne die SRG würde ein wichtiges Kontrollmedium der Politik fehlen. Nicht umsonst werden die Medien als 4. Gewalt im Staat bezeichnet. Die Printmedien haben ihre Redaktionen bereits arg verkleinert, auch die Schweizerische Nachrichtenagentur sda hat angekündigt, 40 Journalisten-Stellen abzubauen. Wenn die SRG mit NoBillag auch noch zerschlagen wird, fehlt ein wichtiges unabhängiges Medium zur Einordnung der Vorgänge in Politik und Wirtschaft. Es fehlten auch Sendungen, welche die Schweiz zum Thema machen, einen Schweizer Bezug haben oder der Schweizer Kunstszene eine Bühne geben. Auch das SRG-Korrespondentennetz in allen Kantonen und auf der ganzen Welt wäre nicht mehr finanzierbar. Was weniger bekannt ist: Viele Sendungen von SRF, RTS und RSI werden im Ausland ausgestrahlt. Via TV5monde erreicht RTS über 300 Millionen Haushalte pro Monat. Das ist Werbung für unser Land, die nicht unterschätzt werden darf. Das bewegte Bild ist immer noch effektiver als Text und Bilder. Und: Dank der Mitgliedschaft bei der European Broadcasting Union (EBU), dem Zusammenschluss der öffentlich-rechtlichen Fernsehstationen Europas, profitiert die SRG und damit die ganze Schweiz von Sendungen und Sportübertragungen, welche die fast 40 Stationen nur gemeinsam erwerben können. Die EBU-Mitgliedschaft wäre bei einem Ja zu NoBillag gefährdet und der Vorteil für die Schweiz weg.

Kurz: Die NoBillag-Initiative ist radikal und gefährdet den nationalen Zusammenhalt in der Schweiz mit den vier Landessprachen. Ein öffentlich-rechtliches Medium gibt in einer Demokratie allen eine Stimme und ermöglicht ein verständnisvolleres Zusammenleben. Lehnen wir deshalb das Experiment NoBillag ab. Der Vorstand von Travail.Suisse hat einstimmig die Nein-Parole beschlossen.

22 janvier 2018, Adrian Wüthrich, Président

Auch für die Arbeitsmarktintegration von Personen aus dem Asylbereich ist die Sozialpartnerschaft zentral

Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, traf sich im Dezember 2017 mit dem Staatssekretariat für Migration (SEM) mit dem Ziel, die Zusammenarbeit zu intensivieren und sich über den Stand der laufenden Projekte zu informieren. Der Arbeitsmarktzugang für anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene hat seit einigen Jahren auf politischer Ebene an Bedeutung gewonnen. Das Pilotprojekt Integrationsvorlehre des SEM, welches ab 2018 starten wird, ist ein konkretes Beispiel dafür. Im Moment sind noch immer einige Fragen offen, dem Engagement der Sozialpartner kommt jedoch weiterhin eine zentrale Bedeutung zu. mehr

In Anbetracht der politischen Bestrebungen der letzten Jahre, vermehrt auf das Potenzial der einheimischen Arbeitskräfte zu setzen, gewann unter anderem die Erwerbsintegration von Personen aus dem Asylbereich an Bedeutung. Travail.Suisse unterstützte die Idee, Ausbildungs- und Erwerbsintegrationsangebote auf die spezifischen Bedürfnisse von Personen aus dem Asylbereich auszurichten. In einer ihrer 2016 verabschiedeten Resolutionen betonte Travail.Suisse auch die Notwendigkeit eines stärkeren politischen Willens zur Umsetzung der Integrationsziele. Daher erschien es ihr Ende 2017 wichtig, ihren Standpunkt zu überprüfen und erneut auf die Bedeutung der Sozialpartnerschaft hinzuweisen. Daraus entstand der Wunsch nach einem Treffen mit dem SEM.

2018 wird ein besonderes Jahr werden, in welchem einige Projekte (beispielsweise jenes der Integrationsvorlehre) umgesetzt und neue Gesetzesbestimmungen (insbesondere das Integrationsgesetz und die entsprechenden Verordnungen) in Kraft treten werden. Dank der engen Zusammenarbeit der Sozialpartner sollte es unter anderem möglich sein, Informationen leichter zu verbreiten und die Entwicklung der Arbeits- und Lohnbedingungen zu verfolgen, die unter Berücksichtigung von kantonalen und branchenspezifischen Gegebenheiten in Gesamtarbeitsverträgen ausgehandelt werden müssen. Bei den von Travail.Suisse nachfolgend aufgeführten Kernpunkten handelt es sich nicht um eine abschliessende Stellungnahme, sondern um grundlegende Aspekte, die bei der Integration von Personen aus dem Asylbereich zu berücksichtigen sind.

Eine bessere Sensibilisierung und eine starke politische Botschaft

Im aktuellen integrationspolitischen Umfeld ist in Anbetracht des vielfältigen Angebots eine angemessene Information vonnöten. Diesbezüglich begrüsst Travail.Suisse die im Dezember 2017 angekündigte Ernennung eines Beauftragten für Flüchtlinge und Wirtschaft, dessen Aufgabe darin besteht, private Unternehmen und Wirtschaftsverbände über die Einsatzmöglichkeiten von Flüchtlingen und vorläufig aufgenommenen Personen zu informieren. Des Weiteren gilt es die Personen aus dem Asylbereich und die Organisationen, welche die Interessen der Arbeitnehmenden vertreten, zu informieren und zu sensibilisieren. Letztere sind vor allem auch bei lohnrelevanten Themen involviert. In diesem Zusammenhang gilt es insbesondere zwischen dem Projekt der Integrationsvorlehre und der direkten Erwerbsintegration zu unterscheiden. Die Integrationsvorlehre hat nämlich kein Sozial- oder Lohndumping zur Folge, während bei der direkten Arbeitsmarktintegration darauf geachtet und überprüft werden muss, dass unter dem Vorwand des tiefen Qualifikationsniveaus der Arbeitskräfte aus dem Asylbereich die Dumpingsituationen nicht zunehmen. Zusätzlich zur Sensibilisierung muss eine starke politische Botschaft vermittelt und hervorgehoben werden, dass die Personen aus dem Asylbereich zur Deckung des Arbeitskräftebedarfs auf dem Arbeitsmarkt benötigt werden und einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beitrag leisten. Mit einer solchen Botschaft können der soziale Zusammenhalt gestärkt und eine Zweiklassenpolitik vermieden werden, bei der sich die Bestrebungen zur Errichtung von rechtlichen und administrativen Hindernissen und der Wille zur besseren Integration gegenüberstehen.

Abbau von Hindernissen für eine erfolgreiche Projektumsetzung

Obwohl im Bereich der Gesetzgebung Fortschritte erzielt wurden, um den Personen aus dem Asylbereich den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern, ist die rechtliche Situation insbesondere der vorläufig Aufgenommenen immer noch mit grossen Unsicherheiten verbunden. Die Abschaffung der Sonderabgabe von zehn Prozent auf dem Erwerbseinkommen und des Verfahrens zum Erhalt einer Arbeitsbewilligung ist gewiss ein positives Signal. Die Stärkung des Status dieser Personen würde jedoch auch deren Arbeitsmarktintegration verbessern und folglich die Umsetzung der Integrationsprojekte erleichtern. In diesem Sinne sollte die Motion «Ersatz des Status der vorläufigen Aufnahme», die zurzeit von den eidgenössischen Räten behandelt wird, eine Statusänderung ermöglichen, welche die Arbeit der kantonalen Behörden nicht behindert und die Integration der Personen aus dem Asylbereich erleichtert. Des Weiteren sollte durch die Möglichkeit eines Kantonswechsels und die administrative Vereinfachung der Anstellungsverfahren die berufliche Mobilität gefördert werden.

Ausbau der Möglichkeiten der Erwerbsintegration

Zurzeit stehen nicht genügend Lehrstellen und Arbeitsplätze für all jene Personen zur Verfügung, deren Arbeitsmarktintegration nicht auf Anhieb gelingt. Daher sollten die Unternehmen mehr Praktikumsplätze anbieten und die Schaffung neuer Stellen in Betracht ziehen. Im Rahmen des Integrationsvorlehre-Programms, welches nicht direkt zum Eintritt in den Arbeitsmarkt führt, haben aktuell bereits 19 Kantone dem SEM ein Programm vorgelegt. Auf Grund der hohen Nachfrage konnten alle Stellen besetzt werden. Dies ist ein positives Zeichen und zeigt, dass ein echtes Bedürfnis besteht. Daher müsste im Bereich der Berufsbildung gewiss eine Ausweitung des Projektangebots in Erwägung gezogen werden.

Erhöhung der finanziellen Mittel

Ob die Zielsetzungen mit der gewünschten Effizienz erreicht werden können, hängt fast immer von den verfügbaren finanziellen Mitteln ab. Es ist absehbar, dass in den kommenden Jahren die Anzahl der im Asylbereich zu betreuenden Personen zunehmen wird. Unter den Flüchtlingen und den vorläufig Aufgenommenen ist mit einem hohen Anteil von rund 30 Prozent an Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu rechnen. Diese Personen, die sich in Ausbildung befinden oder in den kommenden Jahren eine solche absolvieren werden, müssen später in den Arbeitsmarkt integriert werden. Daher ist es wichtig, dass die neuen Bedürfnisse erhoben und die für die Integration vorgesehenen Gelder nicht gekürzt werden. Auch im Bildungsbereich sollte ein Zusatzkredit gesprochen werden. Werden nicht genügend finanzielle Mittel bereitgestellt, wird die gesamte Bevölkerung die sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen stärker zu spüren bekommen.

22 janvier 2018, Hélène Agbémégnah, Responsable politique de migration et questions juridiques

«Laudato si’» – Umweltschutz als soziales christliches und gewerkschaftliches Anliegen

Die aktuellste Enzyklika von Papst Franziskus mit dem Titel «Laudato si’ – über die Sorge für das gemeinsame Haus» beschäftigt sich mit ökologischen Fragen. Im November lud das aktuelle Oberhaupt des Vatikans Gewerkschaften aus der ganzen Welt nach Rom ein, um gemeinsam darüber nachzudenken, wie die Gewerkschaftsbewegung in diesem Rahmen erneuert und gestärkt werden kann. Travail.Suisse wohnte den Debatten bei. Ein Protokoll. mehr

Wer erinnert sich noch an die Enzyklika «Rerum novarum» von Papst Leo XIII.? Ausserhalb der Mauern des Vatikans und der Lehrstühle für Theologie und Geschichte dürfte dieser Text, der die soziale Doktrin der römisch-katholischen Kirche begründete, nicht mehr vielen im Gedächtnis sein. Für Travail.Suisse ist der Ende des 19. Jahrhunderts (1891) veröffentlichte Text insofern von Bedeutung, als er das Fundament der christlichen Gewerkschaftsbewegung in der Schweiz, in Europa und in der Welt legte. Die Schweiz leistete einen wichtigen Beitrag dazu: Inspiriert wurde Leo XIII. von den Arbeiten der «Sozialen Vereinigung für katholische und wirtschaftliche Studien», kurz «Union de Fribourg», einer sehr aktiven Reflexionsgruppe unter der Leitung des Bischofs von Lausanne und Genf. Damals wurden in Deutschland, England und Frankreich die Auswüchse von Kapitalismus und Industrialisierung angeprangert, die eine neue Klasse benachteiligter Menschen – die Arbeiterinnen und Arbeiter – hervorgebracht hatten. Es war die Geburtsstunde der «sozialen Frage». Im Zuge der Aktivitäten der Union de Fribourg entstand auch die Universität Freiburg (1889). Die Enzyklika «Rerum novarum» ermutigte die christliche Gewerkschaftsbewegung.

Die christlich-sozialen Wurzeln von Travail.Suisse

Es ist interessant, sich von Zeit zu Zeit Folgendes ins Bewusstsein zu rufen: Travail.Suisse ist aus der Fusion des Christlichnationalen Gewerkschaftsbunds der Schweiz CNG und der Vereinigung schweizerischer Angestelltenverbände VSA entstanden. Dies ermöglichte 2003 die Bildung einer einzigen unabhängigen schweizerischen Dachorganisation, welche die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vertritt. Durch die Fusion verschwand der direkte Hinweis auf das christliche Gedankengut im Namen, diese Werte sind jedoch nach wie vor aktuell, und zu Travail.Suisse gehören auch die Tessiner Organizazzione cristiano-sociale ticinese OCST sowie die Interprofessionelle Christliche Gewerkschaft Wallis SCIV.

Im Juni 2015 setzte Papst Franziskus das Werk seiner Vorgänger fort, indem er seine Enzyklika «Laudato si’» (Altitalienisch für «Gelobt seist du») veröffentlichte, deren Titel den Sonnengesang von Franz von Assisi aufnimmt . Enzykliken sind ein seit Ende des 19. Jahrhunderts von der Kirche häufig benutztes Kommunikationsmittel, wobei diejenige von Benedikt XIV. (Ubi primum, 1740) als erste moderne Enzyklika gilt. Konkret handelt es sich um ein feierlich formuliertes Kreisschreiben von universeller Dimension, das der Bischof von Rom an die Erzbischöfe und Bischöfe der katholischen Welt richtet, aber auch an alle christlichen Gläubigen. In diesem Text legt der Papst seine Position zu einem bestimmten Thema dar: «Laudato si’» spricht von einer ganzheitlichen Ökologie, aber vor allem von der Bewahrung der Schöpfung, nicht mehr und nicht weniger.

Jeder Epoche ihr Friedensbegriff

Jede Enzyklika ist auch Spiegelbild ihrer Epoche. Paul VI. teilte den Fortschrittsglauben. In «Populorum progressio» zeigte er sich 1968 überzeugt, dass alle Völker an der Entwicklung teilhaben können. Friede bedeutet hier Entwicklung. Doch dies sollte sich als Irrtum erweisen.

Johannes Paul II. stellt mit Schmerz und Trauer fest, dass die Entwicklung das Problem der Ungleichheit und des Ausschlusses gewisser gesellschaftlicher Gruppen nicht löste. In «Laborem exercens» hielt er 1981 fest, dass die Nutzenverteilung der Indikator für soziale Gerechtigkeit ist. «Durch Arbeit muss sich der Mensch sein tägliches Brot besorgen, und nur so kann er beständig zum Fortschritt von Wissenschaft und Technik (…) beitragen.» Friede bedeutet nun Solidarität.

Nach ihm vertritt Benedikt XVI. in «Caritas in veritate» (2009) die Ansicht, dass die Technologie das soziale Problem lösen werde. Friede bedeutet nun Barmherzigkeit als Gegenstück zu Globalisierung, Finanzkrise und Gesellschaftskrise.

Franziskus sieht unser «gemeinsames Haus» in einem verheerenden Zustand

Papst Franziskus stellt die Verbindung zwischen Ökologie und Armut her, den grössten Problemen der heutigen Zeit. Sein Fazit zum Zustand der Erde ist verheerend: Verschmutzung und Klimawandel, Verknappung des Trinkwassers und Verlust von Biodiversität bewirken unweigerlich eine Verschlechterung der Lebensqualität der Menschen, vor allem aber eine gesellschaftliche Zerrüttung. Neue Ungleichheiten entstehen und kommen zu den bestehenden hinzu. Der technische Fortschritt im Nuklearbereich sowie in Biotechnologie und Informatik verleihen einer kleinen Elite unangemessen viel Macht. Nichts gewährleistet, dass diese Entwicklungen dem Wohl der Menschheit als Ganzes zugute kommen. Franziskus könnte somit als erster «ökologischer» Papst bezeichnet werden. Wenn man die Augen nicht verschliesst vor dem heutigen Zustand der Welt, gibt es keine Ausflüchte. Wir alle müssen Sorge tragen zum «gemeinsamen Haus». Es geht ums Überleben der menschlichen Art, einer Schöpfung Gottes.

Der Papst plädiert für eine umfassende Ökologie, die alle Gruppen der Bevölkerung und sowohl die menschlichen als auch die gesellschaftlichen Dimensionen einbezieht. Natur und Arbeit sind nicht nur Rohstoffe oder Waren (Commodity). Er spricht von einem neuen ökologischen Paradigma: Die wirtschaftliche Entwicklung schade der Umwelt, und es liege an den öffentlichen Gemeinwesen, zugunsten des gemeinsamen Wohls zu intervenieren. Er ermutigt zum Dialog – zwischen Wissenschaft und Religion, zwischen Politik und Wirtschaft, zwischen Regierungen und Nichtregierungsorganisationen, zwischen reichen und armen Ländern usw. In diesem Geist lud er auch die nationalen Gewerkschaftsbewegungen der ganzen Welt am 23. und 24. November 2017 zu einem Kolloquium in Rom mit dem Titel «Arbeit und Arbeiterbewegung im Zentrum einer ganzheitlichen, nachhaltigen und solidarischen Entwicklung der Menschheit».

«Der Algorithmus ist der neue Personalchef»

An der Veranstaltung gab es zahlreiche sehr interessante Präsentationen. Zu hören waren unter anderem der Generaldirektor des Internationalen Arbeitsamts (ILO), Guy Rider, die Wirtschaftswissenschafter Riccardo Petrella von der Katholischen Universität Löwen, Enrico Giovannini von der Universität Roma Tor Vergata oder der Wirtschaftshistoriker Geatano Sabatini von der Universität Roma Tre. Die Vertreterinnen und Vertreter der nationalen Gewerkschaftsbünde brachten ihre Ideen ebenfalls ein, beispielsweise mit Philip Jennings von UNI Global Union oder Luca Visentini vom Europäischen Gewerkschaftsbund EGB. Zahlreiche nationale Verbände wie Brasilien, Belgien, Senegal, Argentinien, USA, Grossbritannien oder Italien beteiligten sich an den Expertengesprächen.

Verurteilt wurde dort die unangemessene Macht der transnationalen Unternehmen, die mehr Einfluss haben als Staaten und die Gewerkschaften bekämpfen und zerstören. Weiter wurde bedauert, dass Algorithmen die neuen Personalchefs sind und dass Sklaverei und Menschenhandel einen Aufschwung erleben. Es wurde an die Konzentration des Reichtums in den Händen von einigen wenigen erinnert: Die reichsten acht Personen besitzen heute gleich viel wie 3,6 Milliarden Menschen. Eine Reform der Steuersysteme sei notwendig.

Kardinal Peter Turkson, der die Debatten leitete, rief die Gewerkschaften dazu auf, sich kreativ zu zeigen, um neue Formen der Solidarität zu finden. Er erinnerte auch daran, dass Arbeit in der Antike von Sklaven und Tieren verrichtet wurde, während mit der Entstehung des Christentums die Menschen sich dieser annahmen und Gottes Werk weiterführen konnten. Bei der industriellen Revolution setzte sich die Kirche gegen die Ausbeutung der Menschen durch Maschinen ein. Heute geht es darum, «die Arbeit vor der Technologie zu retten», die den Menschen die Arbeit wegnimmt. Die Arbeit 4.0 ist ein Thema, das auch die Kirche beschäftigt. Denn die Arbeit verleiht dem Menschen Würde. Diese Mission verfolgt auch das von Travail.Suisse gegründete Hilfswerk Brücke – Le Pont, das mit seinen Projekten in Lateinamerika und Afrika den Menschen durch Arbeit ihre Würde zurückgibt .

Die Antwort der Gewerkschaften auf die Enzyklika

Der Beitrag der Gewerkschaften besteht in einem Positionspapier, das die Aussagen der Enzyklika von Papst Franziskus ergänzen und teilweise erweitern will. «Die Gewerkschaften müssen den Arbeitnehmenden als Scheinwerfer zur Wahrnehmung bestehender Rechte dienen und gleichzeitig als Kompass, um neue zu identifizieren». Damit sich dies umsetzen lässt, sind Erziehung und Bildung wichtig, auch in den Rängen der Gewerkschaften, ebenso die Arbeit an einer globalen Gewerkschaftsbewegung. Die Gewerkschaften müssen zusammenarbeiten und voneinander lernen, damit sie eine weltweite Bewegung bilden können. Dialog und soziale Partnerschaft sind fortzusetzen und überall zu fördern – insbesondere jedesmal, wenn jemand versucht, diese zu spalten und einen Keil zwischen Arbeitnehmende und Gewerkschaftsvertretungen zu treiben.

Das Positionspapier der Gewerkschaften schliesst mit folgenden Worten: «Der soziale Gedanke der Kirche (…) will inspirieren, ein Fundament bilden, eine Anleitung zum Handeln sein. (…) Es ist ein Proviant für unterwegs. Es ist weder der Anfang noch der Abschluss einer Erfahrung. Es ist eine Einladung. Ein Aufruf, Bisheriges zu überdenken und Neues zu schaffen.»

Über die Frage des persönlichen Glaubens hinaus werden die Gewerkschaften im Allgemeinen – einschliesslich Travail.Suisse und die Mitgliedsverbände – profitieren, wenn sie die Gedanken von Papst Franziskus in ihre Referenz- und Arbeitsinstrumente einbeziehen.


1 http://w2.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html
2 https://www.bruecke-lepont.ch/fr/projets/

22 janvier 2018, Valérie Borioli Sandoz, Responsable politique de l'égalité

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