Thèmes – Formation

Zugang zur Bildung öffnen!

Am Kongress 2011 hat Travail.Suisse Forderungen im Bildungsbereich ausformuliert, die unserer Bildungspolitik für die nächsten Jahre die Richtung weisen sollen. Sie stehen unter dem Titel „Zugang zur Bildung öffnen statt schliessen!“. mehr

Hinter dem Titel „Zugang zur Bildung öffnen statt schliessen!“
verbergen sich verschiedene Anliegen:

Erstens: Damit wir das Leben in unserer komplizierten Gesellschaft und Wirtschaft selbständig und verantwortlich bewältigen können, braucht es Bildung, mehr Bildung, mehr gute Bildung für alle.

Zweitens: Angesichts der demografischen Entwicklung wird uns zunehmend bewusst: Wir müssen das vorhandene Potenzial an Arbeitskräften voll ausnützen. Daher muss es uns gelingen, allen, insbesondere aber auch den Kindern und Jugendlichen, den Zugang zur Bildung weit zu öffnen und durch unsere Politik zu vermitteln: Wir brauchen euch! Wir brauchen dich! Das gelingt uns aber nur mit einem Bildungssystem, dessen Zugänge offen und nicht durch verschiedenste Hürden versperrt sind.

Zur Volksschule

In der Volksschule ist vor allem darauf zu achten, dass die Begabungen aller Kinder gefördert und Kinder mit Schwierigkeiten schon früh unterstützt werden. Dazu braucht es integrative Schulmodelle, die alle Kinder ernst nehmen, so wie das mit Harmos vorgesehen ist, und nicht selektive Schulmodelle, die vor allem in die Starken investieren. Zudem ist der sprachlichen Frühförderung bei Kindern besondere Beachtung zu schenken. Und, was ebenso wichtig ist: Die Elternbildung ist stärker zu fördern, damit die Eltern die Aufgabe und die Verpflichtung, ihre Kinder schulisch zu begleiten, besser wahrnehmen können.

Zur Berufsbildung

Das schweizerische Erfolgsmodell der Berufsbildung ist zu stärken. Mit Sorgfalt ist die Berufsbildung regelmässig den neu entstehenden Bedürfnissen anzupassen. Dazu braucht es kluge Reformen. Bei diesen Reformen darf der Kern der Berufsbildung, sprich ihr Praxisbezug und die Arbeitsmarktnähe, nicht verloren gehen.

Ein besonderes Anliegen von Travail.Suisse ist es, dass die Berufslehre der wichtigste Weg der Jugendlichen in den Arbeitsmarkt bleibt. Dazu braucht es verschiedenste Anstrengungen: erstens genügend gute Lehrstellen, zweitens eine hohe Attraktivität der Berufslehre auch für starke Jugendliche, drittens angepasste Angebote für vorwiegend praktisch begabte Jugendliche und viertens eine diskriminierungsfreie Lehrstellenvergabe.

Zur Höheren Berufsbildung

Ein besonderes Anliegen von Travail.Suisse ist die Höhere Berufsbildung. In den nächsten vier Jahren müssen hier grosse Reformen erfolgen. Dieser wichtige Teil der Höheren Bildung muss im nationalen und internationalen Kontext besser und klarer positioniert werden. Die Studierenden der Höheren Berufsbildung sollen für ihre Studiengänge nicht mehr bezahlen müssen als Studierende an Hochschulen.

Zur Nachholbildung

Fehlende Bildung ist der wichtigste Grund für Arbeitslosigkeit. Daher muss die Nachholbildung zu einem Schwerpunkt der Bildungspolitik der nächsten Jahre werden. Es muss für Erwachsene einfacher möglich werden, die Grundkompetenzen in Lesen, Schreiben, Rechnen und im Umgang mit Informationstechnologien zu erwerben. Zudem sollen die Hürden abgebaut werden, die es den Erwachsenen heute so schwer machen, eine Ausbildung in Angriff zu nehmen, die zu einem Lehrabschluss führt. So muss zum Beispiel bei der Sozialhilfe und der Arbeitslosenversicherung die Ausbildung von Personen ohne Lehrabschluss Vorrang haben vor der Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Ferner verlangt Travail.Suisse mehr Verantwortung der Arbeitgeber beim Anstellen von Migrantinnen und Migranten. Die Arbeitgebenden müssen verpflichtet werden, ihren Angestellten den Erwerb einer Landessprache zu ermöglichen.

Zum Weiterbildungsbereich

Heute ist der Weiterbildungsbereich so organisiert, dass Weiterbildung die soziale Schere in unserer Gesellschaft öffnet statt schliesst. Denn niedrig qualifizierte Arbeitnehmende haben zu wenige Ressourcen (Zeit, Geld, Eigenmotivation), um sich weiterzubilden, und werden kaum unterstützt. Es sind vor allem die gut qualifizierten Männer, die in den Genuss von Weiterbildungsmassnahmen kommen. Hier braucht es dringend einen Ausgleich. Travail.Suisse fordert deshalb drei Tage obligatorische Weiterbildung für alle, finanziert von den Arbeitgebern. Weiterbildung für alle ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Notwendigkeit.

Bildung muss allen zugänglich sein, über alle Lebensphasen hinweg. Das ist das Grundanliegen von Travail.Suisse.

20 février 2012, Bruno Weber-Gobet, Responsable politique de formation

Berufsbildung: Übersehene Veränderungen

Die Berufsbildung hat in den letzten zwei Jahrzehnten grosse Veränderungen erfahren. Nicht alle haben diese Veränderungen in ihrem Denken nachvollzogen. So kommt es leider immer wieder vor, dass gut gemeinte Denkanstösse oder Provokationen ihr Ziel massiv verfehlen. Vor allem drei Reformen werden nicht richtig wahrgenommen oder sogar übersehen. mehr

Die Berufsbildung ist längerfristig nur zukunftsfähig, wenn sie sich kontinuierlich den neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen auf eine kluge Art und Weise anpasst. Zum Glück verfügt die Berufsbildung über diese Innovationsfähigkeit; das hat sie in den letzten Jahren bewiesen und wird sie hoffentlich auch in Zukunft wieder zeigen. Nicht alle Reformen werden aber von allen Kreisen der Gesellschaft genügend wahrgenommen. Hier drei Beispiele:

Die Berufsmaturität

In seinem Artikel „Warum die Schweiz so bildungsfeindlich ist“1 beschreibt Philipp Sarasin die Wahl der Jugendlichen nach der Volksschule immer noch als Wahl zwischen der Berufslehre und dem Gymnasium. Diese Wahl hat sich in den letzten Jahren aber grundlegend verändert. Jene Jugendlichen, die fähig sind, einen Maturitätsabschluss zu erreichen, wählen heute nicht mehr zwischen Lehre und gymnasialer Maturität, sondern zwischen gymnasialer Maturität und Berufsmaturität. Das ist eine ganz andere Konkurrenz als sie Sarasin beschreibt. Die gymnasiale Maturität konkurrenziert nicht mehr mit der Lehre, sondern mit der Berufsmaturität. Es ist schwierig, mit jemandem in eine Diskussion zu treten, der diese grundlegende Reform nicht nachvollzogen hat und nicht sieht, dass es heute bildungshungrige Jugendliche gibt, die nach dem Progymnasium bewusst die Berufsmaturität einer gymnasialen Maturität vorziehen.

Höhere Berufsbildung

Auch die höhere Berufsbildung wird von den akademischen Kreisen regelmässig unterschätzt. Man will nicht wahrhaben, dass die höhere Berufsbildung seit dem Inkrafttreten des neuen Berufsbildungsgesetzes zum Tertiärbereich gehört. Man zählt sie lieber zur Weiterbildung – wenn man sie überhaupt wahrnimmt – und konkurrenziert diese arbeitsplatznahen Bildungen mit Weiterbildungsangeboten aus dem Hochschulbereich. Dass die höhere Berufsbildung mit über 28’000 Abschlüssen pro Jahr2 den grossen Teil des Bedarfs an Qualifikationen, welche die KMU-Wirtschaft sucht, abdeckt, wird übersehen. Zum Glück war der Gesetzgeber bei der Schaffung des neuen Hochschulförderungs- und Koordinationsgesetzes (HFKG) diesbezüglich nicht blind, sondern hat das Thema „Hochschulweiterbildung und höhere Berufsbildung“ bewusst ins Gesetz aufgenommen3.

Differenzierte Ausbildungen im Pflegebereich

Auch der Pflegebereich hat damit zu kämpfen, dass nicht alle Reformen wahrgenommen werden. Schnell und pauschal beklagen sich Bildungspolitiker4 über die „Verakademisierung“ des Pflegebereiches. Dem ist aber nicht so. Durch die Reformen gibt es neu eine Lehre „Fachangestellte Gesundheit“ sowie eine Attestlehre „Assistent/-in Gesundheit und Soziales EBA“, die für das genaue Gegenteil einer „Verakademisierung“ stehen. Zudem ist die bisherige Pflegeausbildung des Schweizerischen Roten Kreuzes durch die Aufnahme in das Berufsbildungssystem zwar neu im Tertiär-B-System angesiedelt, hat aber vom Niveau her keine eigentliche Neupositionierung erfahren. Hingegen hat sich das Bildungssystem im Pflegebereich so differenziert, dass er auf allen Bildungsstufen von der Attestlehre bis zum Masterabschluss an einer Hochschule vertreten ist.

1 http://www.derbund.ch/schweiz/standard/Wieso-die-Schweiz-so-bildungsfeindlich-ist/story/18585508

2 http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/15/05/data/blank/01.html

3 HFKG, Ziele, Art. 3i: Vermeidung von Wettbewerbsverzerrungen bei Dienstleistungen und Angeboten, im Weiterbildungsbereich von Institutionen des Hochschulbereichs gegenüber Anbietern der höheren Berufsbildung.

4 http://www.youblisher.com/p/126847-Wahlkampf-Programm-2011-der-FDP-Die-Liberalen

07 novembre 2011, Bruno Weber-Gobet, Responsable politique de formation

Bildungsverachtung oder Verachtung der Berufsbildung?

In seinem Artikel vom 8. Oktober (Tagesanzeiger und Bund) ortet Prof. Philipp Sarasin das Hauptproblem der Bildungspolitik in einer zu tiefen Maturitätsquote. Die vorgebrachten Argumente sprechen aber kaum für eine Erhöhung der gymnasialen Maturitätsquote. Der ganze Artikel bringt zudem eine an Verachtung grenzende Geringschätzung der Berufsbildung, einschliesslich der Fachhochschulen und höheren Berufsbildung, zum Ausdruck. Dies darf nicht unwidersprochen bleiben. mehr

Im „Tagesanzeiger“ und im „Bund“ vom 8. Oktober 2011 ist ein Artikel von Prof. Philipp Sarasin erschienen, welcher der Schweiz „Bildungsverachtung“ vorwirft. Das Grundproblem der Bildungspolitik wird in einer zu tiefen Maturitätsquote geortet. Als Gründe dafür nennt der Autor eine zu frühe und falsche Selektion für das Gymnasium, eine einseitige Ausrichtung des Bildungssystems auf die Berufsbildung und die „Bildungsverachtung eines kleinen Herrenvolkes“, das glaubt, fehlende Arbeitskräfte jederzeit aus dem Ausland importieren zu können.

Das Problem des Artikels ist nicht, dass Prof. Sarasin einen Mangel an Hochschulabgängerinnen und -abgängern ausmacht. Das ist – zumindest für gewisse Studienrichtungen – richtig. Und auch die Forderung nach einer höheren Maturitätsquote ist an sich diskutabel. Ein Problem ist aber, dass der Autor mit falschen Zahlen operiert und Argumente ins Feld führt, die eine starke Geringschätzung der Berufsbildung zum Ausdruck bringen.

Falsche Zahlen, inkohärente Argumentation, Geringschätzung der Berufsbildung

Den Ausführungen von Prof. Sarasin muss in mehreren Punkten widersprochen werden. Dabei kann gleichzeitig aufgezeigt werden, dass viele Aussagen eine starke Geringschätzung der Berufsbildung zum Ausdruck bringen:

Maturitätsquote von 20 Prozent: Die von Sarasin genannte Maturitätsquote von 20 Prozent ist schlicht falsch. Hier hat er offenbar die letzten zehn Jahre Bildungspolitik verpasst. Zusammen mit der Berufsmatura liegt die Maturitätsquote in der Schweiz bereits bei über 30 Prozent. Diese Veränderung hat auch zu einer veränderten Entscheidsituation bei den Jugendlichen selbst geführt. Diese entscheiden sich heute nicht mehr zwischen Gymnasium und Lehre, sondern sehr häufig zwischen Berufsmatur und gymnasialer Matur.

Maturität als einziger Zugang zu höherer Bildung: Definitiv falsch ist es, die Maturitätsquote mit dem Zugang zur höheren Bildung gleichzusetzen. Denn höhere Bildung ist nicht gleich akademische Bildung. Die höhere Berufsbildung und die Fachhochschulen gehören wie die ETH und die Universitäten zur tertiären Bildung. Und das ist nicht nur in der Theorie so, sondern in gewissen Berufen werden die Abschlüsse der höheren Berufsbildung sogar höher bewertet als die akademischen Abschlüsse (z.B. eidg. dipl. Wirtschaftsprüfer.

Fehlende Maturität als rudimentäre Bildung: Sarasin behauptet, dass „die grosse Mehrheit“ der Jugendlichen, die den Weg der Berufsbildung wählt, den Preis einer „bloss rudimentären Bildung“ bezahlt. Als Beleg verweist er auf das Problem des Illettrismus. Dies ist in zweierlei Hinsicht unhaltbar. Erstens ist es falsch, dass die grosse Mehrheit der Jugendlichen mit Berufsbildung Probleme mit Lesen und Schreiben haben. Zweitens wird damit – und das ist eine schlichte Ungeheuerlichkeit gegenüber allen Berufsleuten – die Berufsbildung mit rudimentärer Bildung gleichgesetzt.

Tiefe Jugendarbeitslosigkeit als Scheinargument: In einem weiteren Abschnitt versteigt sich Sarasin zur Bemerkung, dass der Verweis auf die tiefe Jugendarbeitslosigkeit nicht weiterhelfe, um eine im internationalen Vergleich tiefere Maturitätsquote zu rechtfertigen. Das ist völlig unverständlich, gibt es doch bildungspolitisch nichts Wichtigeres, als dass Jugendliche mit und dank ihrer Ausbildung Zugang zum Arbeitsmarkt finden und sich so eine eigene Existenz aufbauen können.

Abwürgen des Bildungswillens: Sarasin behauptet, dass durch die Eintrittshürden an die Gymnasien der Bildungswille vieler Jugendlicher abgewürgt werde. Auch diese Aussage bringt eine Geringschätzung für die Berufsbildung zum Ausdruck. Willen zur Bildung braucht es seiner Ansicht nach nur für die Matura, nicht für die Berufsbildung. Ein groteskes Missverständnis.

Gestiegener Bedarf an Akademikern: Natürlich ist die Nachfrage nach Akademikern und Akademikerinnen seit dem zweiten Weltkrieg gestiegen. Die Maturitätsquote ist aber seit dem zweiten Weltkrieg auch gestiegen. Allein seit 1985 hat sich die gymnasiale Maturitätsquote fast verdoppelt. Inklusive Berufsmaturität hat sich die Maturitätsquote sogar verdreifacht. Zudem wird die Nachfrage nach „Akademikern“ insbesondere in der Wirtschaft seit langem auch von Absolventen und Absolventinnen der Fachhochschulen befriedigt. Der Aspekt der Tertiarisierung der Berufsbildung wird vom Autor völlig ausgeblendet und als nutzlos dargestellt, was gerade für Ingenieurberufe und Manager sicher nicht stimmt.

Ausländische Chefs als Problem: Dass der Chef heute „in der Regel“ bereits ein zugezogener Akademiker ist, wie Sarasin ausführt, dürfte wohl ziemlich überzogen sein. Das gilt vielleicht für die Universitäten und für grosse, international ausgerichtete Unternehmen, sicher aber nicht flächendeckend für die Schweiz. Und dass die Schweizer Arbeitnehmenden mit ihrer Berufsbildung nur in den KMU in höhere Kaderpositionen kommen, sollte uns nicht so stören, sind doch 99 Prozent der Unternehmen in der Schweiz KMU.

Schweizer Bildungsverachtung: Der Schweiz gelingt es, über 90 Prozent der Jugendlichen zu einem nachobligatorischen Bildungsabschluss zu führen. Dieser Bildungserfolg entspricht nicht unbedingt der Bildungsverachtung, die Sarasin der Schweiz vorwirft. Diesen Vorwurf der Bildungsverachtung kann eigentlich nur vorbringen, wer sich allein auf universitäre Bildung kapriziert und die Berufsbildung einschliesslich der höheren Berufsbildung und der Fachhochschulen überhaupt nicht als Bildung anerkennt.

Fazit: Nicht alles ist falsch, war Prof. Sarasin schreibt. Aber nur wenig taugt als Argumentation für eine höhere gymnasiale Maturitätsquote. Insgesamt ist der Artikel weniger ein Plädoyer für ein besseres Bildungssystem als Ausdruck einer an Verachtung grenzenden Geringschätzung der Berufsbildung, inklusive Fachhochschulen und höherer Berufsbildung. Nicht die von Sarasin monierte Bildungsverachtung der Schweiz, sondern die Verachtung der Berufsbildung durch Sarasin selbst ist das Hauptproblem.

Mehr qualifizierte Arbeitskräfte – ja, aber anders

Dass in der Schweiz ein Mangel an gut qualifizierten Arbeitskräften besteht, ist unbestritten. Das betrifft aber nicht nur Akademiker und Akademikerinnen, sondern manifestiert sich viel allgemeiner in einem Mangel an ausgebildeten Fachkräften auf verschiedenen Bildungsniveaus. Deshalb darf die Frage, wie wir zu mehr gut ausgebildeten Arbeitskräften kommen nicht alleine an der gymnasialen Maturitätsquote festgemacht werden. Vielmehr müssen wir uns Gedanken darüber machen, was es braucht, damit das gesamte Bildungssystem inklusive Berufsbildung und höherer Berufsbildung die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedürfnisse der Schweiz möglichst gut befriedigen kann.

Dazu sind aus unserer Sicht die folgenden Überlegungen relevant:

Demografie beachten: Die demografische Entwicklung führt dazu, dass weniger junge Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt eintreten als ältere Arbeitskräfte austreten. Wir können also nicht davon ausgehen, dass wir mit „der richtigen“ Bildung alle Mangelprobleme lösen. Denn wir haben nicht ein Allokationsproblem, sondern ein Mengenproblem. Das gilt auch für die Verteilung der Jugendlichen auf das Gymnasium und die Berufslehre. Wenn mehr Jugendliche aufs Gymnasium gehen, dann haben wir im Anschluss einfach weniger qualifizierte Berufsleute. Und diese fehlen ja heute bereits.

Berufsmatur fördern: Wenn wir die Maturitätsquote steigern wollen, dann sollten wir uns auf die Berufsmatura konzentrieren. Hier ist ein grosses Potenzial vorhanden. Erstens absolvieren heute ca. 80’000 Jugendliche eine Berufslehre, davon machen erst 12 Prozent eine Berufsmatura. Mit geeigneten Fördermassnahmen insbesondere auch für und in kleineren Ausbildungsbetrieben könnte diese Quote auf 25 Prozent verdoppelt werden. Damit könnten rasch einige tausend Jugendliche von höherer Allgemeinbildung und dem Zugang zu einer tertiären Bildung profitieren. Zudem ist dieser Weg vermutlich geeigneter als die Erhöhung der gymnasialen Maturitätsquote, um Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten Zugang zur tertiären Bildung zu verschaffen.

Studierende der höheren Berufsbildung mit Hochschulstudierenden gleichstellen: Die höhere Berufsbildung (höhere Fachschulen Technik, Gesundheit, Meisterprüfungen etc.) leistet heute mit über 25’000 Abschlüssen pro Jahr (zum Vergleich: ca. 21’000 Abschlüsse an Unis) bereits einen zentralen Beitrag zur Deckung des Bedarfs an gut qualifizierten Arbeitskräften. Gleichzeitig sind aber die Studierenden der höheren Berufsbildung in Bezug auf Mobilität und finanzielle Belastung deutlich schlechter gestellt als die Studierenden der Unis und Fachhochschulen. Hier muss Abhilfe geschaffen werden.

Zugang von FH-Absolventen und -Absolventinnen an Uni verbessern: Wenn – zu guter Letzt – das Schweizer Bildungssystem wirklich mehr Akademiker und Akademikerinnen hervorbringen soll, dann müsste zuerst einmal der Zugang für Absolventinnen und Absolventen der Fachhochschulen an die Universitäten und ETH vereinfacht werden. Dieses Potenzial an möglichen Akademikerinnen und Akademikern wird heute aufgrund von restriktiven Zugangshürden kaum genutzt. Anstatt einen Streit um die gymnasiale Maturitätsquote zu führen, könnten die Universitäten also eigenständig für mehr Studierende sorgen.

Fazit: Bildung allein wird die demografisch bedingte Problematik des Fachkräftemangels nicht beheben können. Das heisst, dass Migration wohl notwendig bleiben wird, um die Lebensqualität in der Schweiz zu sichern. Ganz sicher heisst es aber auch, dass das Heil nicht einfach in einer höheren gymnasialen Maturitätsquote zu suchen ist, sondern alle Wege zu einer höheren Bildung zu stärken sind. Und dazu gehören auch alle Wege der Berufsbildung, von der Berufsmaturität über die höhere Berufsbildung bis zum Zugang zur Universität und ETH für Fachhochabsolventinnen – und -absolventen.

24 octobre 2011, Martin Flügel, Président

Bildungsverachtung oder Verachtung der Berufsbildung?

In seinem Artikel vom 8. Oktober (Tagesanzeiger und Bund) ortet Prof. Philipp Sarasin das Hauptproblem der Bildungspolitik in einer zu tiefen Maturitätsquote. Die vorgebrachten Argumente sprechen aber kaum für eine Erhöhung der gymnasialen Maturitätsquote. Der ganze Artikel bringt zudem eine an Verachtung grenzenden Geringschätzung der Berufsbildung, inklusive Fachhochschulen und höherer Berufsbildung zum Ausdruck. Dies darf nicht unwidersprochen bleiben. mehr

Prof. Philipp Sarasin nennt als Gründe für die seines Erachtens zu tiefe Maturitäsquote eine zu frühe und falsche Selektion für das Gymnasium, eine einseitige Ausrichtung des Bildungssystems auf die Berufsbildung und die „Bildungsverachtung eines kleinen Herrenvolkes“, das glaubt, fehlende Arbeitskräfte jederzeit aus dem Ausland importieren zu können.

Das Problem des Artikels ist nicht, dass Prof. Sarasin einen Mangel an Hochschulabgängern ausmacht. Das ist für gewisse Studienrichtungen korrekt. Und auch die Forderung nach einer höheren Maturitätsquote ist an sich diskutabel. Ein Problem ist aber, dass der Autor mit falschen Zahlen operiert und Argumente vorbringt, die eine starke Geringschätzung der Berufsbildung zum Ausdruck bringen. Das darf nicht unwidersprochen bleiben.

Dass in der Schweiz ein Mangel an gut qualifzierten Arbeitskräften besteht, ist unbestritten. Das manifestiert sich in einem allgemeinen Mangel an ausgebildeteten Fachkräften auf verschiedenen Bildungsniveaus. Deshalb dürfen wir uns nicht allein auf die gymnasialen Maturitätsquote fokussieren. Die zentrale Frage ist, wie das gesamte Bildungssystem die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedürfnisse der Schweiz möglichst gut befriedigen kann. Für Travail.Suisse, den unabhängigen Dachverband von 170’000 Arbeitnehmenden, sind dabei dieBeachtung der Demografie, die Förderung der Berufsmaturität, die Gleichstellung der höheren Berufsbildung sowie der bessere Zugang für Fachhochschulabsolventinnen und Absolventen an die Unis und ETHs zentral.

13 octobre 2011, Bruno Weber-Gobet, Responsable politique de formation et Martin Flügel, Président

Attestlehre hat Praxistest bestanden

Eine erste Auswertung zeigt, dass sich die Attestlehre (EBA-Lehre) in der Praxis bewährt hat. Lernende, Lehrbetriebe und Berufsschullehrkräfte sind mit der Ausbildung zufrieden. Jeder fünfte Jugendliche tritt nach Lehrabschluss direkt in eine Lehre zum Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) ein. Diese Übertrittsquote sollte erhöht werden. Ebenso sollte die längerfristige Eingliederung in den Arbeitsmarkt sorgfältig beobachtet werden. Viele Betriebe wissen zu wenig über die neue Ausbildung und wie sie EBA-Lehrabgänger und –abgängerinnen einsetzen können. Hier besteht Handlungsbedarf bei den Brachenorganisationen.

07 février 2011, Angela Zihler, Responsable de projet

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