Themen – Gleichstellung – Mutterschaft und Vaterschaft

Vaterschaftsurlaub braucht dringend eine gesetzliche Basis

Travail.Suisse hat die Zahlen zur Verbreitung des Vaterschaftsurlaubs in der Schweizer Wirtschaft aktualisiert (Stand Juni 2018). Dabei wurden die grössten und dazu die allgemeinverbindlich erklärten Gesamtarbeitsverträge analysiert (gut 40 GAV). Es zeigt sich: Es geht nur langsam vorwärts mit einem Vaterschaftsurlaub. Für fast die Hälfte der einem Gesamtarbeitsvertrag unterstellten Arbeitnehmenden sind nach wie vor nur 1-2 Tage Vaterschaftsurlaub vorgesehen. Bei den grossen Unternehmen gibt es zahlreiche Beispiele mit 10 bis 20 Tagen Vaterschaftsurlaub.

Aktualisiert wurden auch die Zahlen zur öffentlichen Hand als Arbeitgeberin. Beim Bund, den Kantonen, den 30 grössten Städten und den Kantonshauptorten werden 5-10 Tage Vaterschaftsurlaub je länger je mehr zur Norm. Einen Vaterschaftsurlaub im Bereich von 20 Arbeitstagen, wie von der Volksinitiative von Travail.Suisse gefordert, bieten jedoch nur grössere städtische Zentren an.

Insgesamt besteht ein grosser Unterschied zwischen grossen und kleinen Arbeitgebern: Grosse Arbeitgeber sehen einen – wenn auch bescheidenen – Vaterschaftsurlaub vor, kleinere Arbeitgeber in der Regel nicht. Diese Lücke kann nur mit einer gesetzlichen Regelung zum Vaterschaftsurlaub und einer solidarischen Finanzierung geschlossen werden, welche gleiche Bedingungen für alle schafft.

> Factsheet “Vaterschaftsurlaub in den Gesamtarbeitsverträgen, der öffentlichen Verwaltung und in den grösseren Unternehmen


Änderung des Zivilgesetzbuches, der Zivilprozessordnung und des Zuständigkeitsgesetzes (Unterhalt des Kindes)

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Consultation TS Droit d'entretien 2012.pdf 110 KB

05. November 2012, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Elternurlaub: Patentrezept für eine höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen?

Nach Ansicht von Bundesrätin Simonetta Sommaruga würde ein grosszügiger Vaterschaftsurlaub mit anschliessendem langem Elternurlaub dafür sorgen, dass mehr Frauen berufstätig bleiben und grössere Pensen übernehmen. Travail.Suisse, die unabhängige Dachorganisation von 170’000 Arbeitnehmenden, teilt die Ansicht, dass es für die Frauen selber und für die ganze Gesellschaft wichtig ist, die Präsenz der Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu stärken. Doch um dieses Ziel zu erreichen, braucht es eine beherzte Politik mit Sofortmassnahmen statt der im Parlament in familienpolitischen Fragen üblichen Politik der kleinen Schritte. mehr

Die Frauen müssen mehr arbeiten, das heisst sowohl die Zahl der erwerbstätigen Frauen als auch der Beschäftigungsgrad der berufstätigen Frauen muss zunehmen. So lautete die Botschaft von Simonetta Sommaruga, als sie vor einigen Wochen für einen Vaterschaftsurlaub von mindestens vier Wochen plädierte, der Teil eines Elternurlaubs von mindestens sechs Monaten bei 80 Prozent Lohn ist und somit gleich entlöhnt würde wie der Mutterschaftsurlaub, den er ergänzen soll.

Legitime finanzielle Überlegungen

Was sind die Gründe für diesen Kurswechsel? Während die Frauen bisher praktisch allein für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verantwortlich waren, sollen sie nun helfen, den akuten Fachkräftemangel zu beheben. Weshalb wird nun das brachliegende Arbeitspotenzial der Frauen, die häufig teilzeitlich arbeiten und eine zu tiefe Erwerbsquote aufweisen (83,9 Prozent gegenüber 97,7 Prozent bei den Männern), plötzlich zum Thema? Und ist die Einführung eines Vaterschaftsurlaubs mit anschliessendem langem Elternurlaub die richtige und die einzig notwendige Massnahme?

Neben dem legitimen Gleichstellungsziel, die Familien- und Hausarbeit nach der Geburt eines Kindes zu teilen, liegen der Initiative der sozialdemokratischen Departementsvorsteherin zweifellos auch finanzielle Überlegungen zugrunde: Wenn die Frauen mehr arbeiten, steigen dadurch die Steuereinnahmen und die Sozialversicherungsbeiträge. Bei einer Scheidung (immerhin fast jede zweite Ehe wird geschieden) läuft eine Frau, die immer berufstätig war, weniger Gefahr, Sozialhilfe in Anspruch nehmen zu müssen. Sie finanziert auch ihre Pensionierung und wird seltener auf Ergänzungsleistungen angewiesen sein.

Aufgabe der Erwerbstätigkeit ist langfristig problematisch

Wenn mehr Frauen erwerbstätig sein sollen, gilt es zu vermeiden, dass sich diese bei einer Mutterschaft aus der Arbeitswelt zurückziehen. Eine Viertelmillion Frauen geben jedes Jahr ihre Berufstätigkeit aus familiären Gründen auf, sei es freiwillig oder gezwungenermassen. Später ist es für diese Frauen sehr schwierig, wieder eine Stelle zu finden. Sie haben zudem keinen Anspruch mehr auf die arbeitsmarktlichen Massnahmen, die im Arbeitslosenversicherungsgesetz vorgesehen sind: Mit der letzten Revision des AVIG wurden die Ansprüche bei einem Wiedereinstieg ins Berufsleben drastisch reduziert. Die Analyse des Bundesamts für Statistik vom vergangenen August zur Arbeitslosigkeit von Frauen zeigt, dass bei den Frauen ein Teil der Arbeitslosigkeit in den üblichen Statistiken nicht erscheint, weil die meisten Frauen eine Stelle suchen, ohne sich bei einem RAV anzumelden.

Es wäre klug, dieser «Verschwendung» ein Ende zu setzen und dafür zu sorgen, dass die staatlichen Investitionen in die Ausbildung der weiblichen Bevölkerung eine höhere Rendite abwerfen. Dazu müssen wir uns vor Augen halten, vor wie vielen Hürden Frauen stehen, die wieder in den Beruf einsteigen wollen oder müssen. Es fehlt sowohl an finanziellen Mitteln als auch an konkreter Unterstützung. Dies zeigt die laufende Forschungsarbeit «Expérience ReProf»1 von Travail.Suisse.

Kantone sollen Rechenschaft über Massnahmen
zur beruflichen Wiedereingliederung ablegen

Laut Berufsbildungsgesetz kann zwar der Bund Massnahmen für den Wiedereinstieg nach einem Erwerbsunterbruch finanzieren, es ist aber Sache der Kantone, wie sie diese Mittel einsetzen. Die Kantone organisieren sich daher nach eigenem Gutdünken und müssen dem Bund nicht nachweisen, wie sie den Geldsegen verwenden. Es ist Zeit, dass die Kantone Rechenschaft darüber ablegen, wie sie die spezifische Problematik des Wiedereinstiegs der Frauen angehen.

Travail.Suisse unterstützt im Übrigen die Einführung von Bildungsgutscheinen. Diese würden dazu beitragen, dass die Frauen für den Arbeitsmarkt gerüstet sind, und dass ein Kursangebot entsteht, das auf diese Bevölkerungsgruppe mit beschränkten finanziellen Mitteln abgestimmt ist.

Digitale Agenda «mamagenda»: vorbeugen statt heilen

Vorbeugen ist besser als heilen! Wenn das Erwerbspotenzial der weiblichen Bevölkerung besser genutzt werden soll, müssen wir sicherstellen, dass die Frauen ihre Berufstätigkeit nicht aufgeben. Dafür stehen effiziente Hilfsmittel zur Verfügung. Eines davon ist die kostenlose digitale Online-Agenda «mamagenda.ch» von Travail.Suisse. Die Agenda richtet sich an erwerbstätige Frauen, die Mutter werden, und an deren Vorgesetzte. Sie hilft diesen, die Zeit des Mutterschaftsurlaubs und die Rückkehr der jungen Mutter an den Arbeitsplatz für beide Seiten optimal zu organisieren.

Ist ein grosszügiger Vaterschaftsurlaub mit anschliessendem mehrmonatigem Elternurlaub also das Patentrezept, das die Frauen dazu bringt, mehr zu arbeiten? Ohne weitere Schritte werden diese beiden Massnahmen nicht alle Probleme lösen und die Frauen nicht zurück ins Büro oder in die Werkstatt zaubern. Dazu braucht es auch verlässliche Rahmenbedingungen für die Familien. Zur Erinnerung: Nirgendwo sonst wird so viel gearbeitet wie in der Schweiz, gemessen sowohl an den Wochenstunden als auch an den Ferien- und Feiertagen sowie der Arbeitswegzeit. Das ergab die 5. Europäische Erhebung über die Arbeitsbedingungen, die vom Staatssekretariat für Wirtschaft 2010 veröffentlicht wurde. Auch Lohndiskriminierungen gegenüber Frauen sind noch immer verbreitet: Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass es für 40 Prozent der Lohnunterschiede keinerlei objektive Gründe gibt, und je nach gewählten Kriterien ist der Anteil noch höher. Schliesslich fehlt es noch immer an Betreuungsstrukturen für Kinder, aber auch zunehmend an Einrichtungen zur Betreuung älterer Menschen.

Nein zur «Politik der kleinen Schritte» in der Familienpolitik!

Ein sechsmonatiger Elternurlaub mit einem Teil, der ausschliesslich vom Vater bezogen werden kann und als Vaterschaftsurlaub bezeichnet wird: So lautete bereits 2010 der mutige Vorschlag der Eidgenössischen Koordinationskommission für Familienfragen (EKFF). Heute mahnt hingegen die neue Präsidentin, die ehemalige Nationalrätin Thérèse Meyer, zu typisch schweizerischer Zurückhaltung. Sie befürwortet eine «Politik der kleinen Schritte» zu einem Zeitpunkt, in dem alle Signale auf rot stehen.

In unserem Land braucht es dringend ein durchdachtes Massnahmenpaket für Familien, das die Frauen gezielt von der Bürde entlastet, Beruf und Familie aus eigener Kraft vereinbaren zu müssen. Nur unter diesen Voraussetzungen – und zu diesem Preis – werden die Mütter auf dem Arbeitmarkt präsenter sein und die Väter die Möglichkeit erhalten, mehr als «Wochenendväter» zu sein.

1Siehe Medienservice vom 10. September 2012 «Weiterbildungsgutscheine für Wiedereinsteigerinnen», Medienservice vom 7. Mai 2012 «Finanzierung der Weiterbildung als Knackpunkt», und Medienservice vom 20. Februar 2012 «Rückkehr ins Berufsleben begleiten» von Angela Zihler.

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PD Patentrezept für eine höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen.doc 113 KB

01. Oktober 2012, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Zusammengebastelter Vaterschaftsurlaub geht auf Kosten der Gesundheit

Väter, die in der Schweiz arbeiten, haben bei der Geburt eines Kindes keinen Anspruch auf eine bezahlte Auszeit. Viele Männer nehmen jedoch einige Tage frei und ziehen dafür Ferien oder Überstunden ein. Als Folge davon drohen Erschöpfung und gesundheitliche Beschwerden. Nationalrätin Yvonne Gilli erschien diese Situation stossend, weshalb sie in der letzten Parlamentssession ein Postulat einreichte. mehr

«Es ist offensichtlich, dass immer mehr Väter auch zuhause Verantwortung in ihrer Elternschaft übernehmen. Diese neue Rollenverteilung entspricht einer gesellschaftlichen Entwicklung der gleichen Rechte und Pflichten, unabhängig von Mutter- respektiv Vaterschaft“. Mit diesen Worten fasst die St. Galler Parlamentarierin und Ärztin Yvonne Gilli die Problematik in ihrer Interpellation an den Bundesrat vom Juni zusammen.

Die bezahlte Auszeit, die Eltern bei der Geburt oder Adoption eines Kindes in Anspruch nehmen können, ist in der Bundespolitik immer wieder Thema. Parlamentsmitglieder wie Marco Romano (CVP TI)1 oder Valérie Piller Carrard (SP FR)2, die erst seit Kurzem im Nationalrat sitzen, haben Lösungen für das Problem vorgeschlagen. Auch die Grüne Yvonne Gilli ist über die gesundheitlichen Folgen für Väter, die sich bei der Geburt eines Kindes selber einen Urlaub «zusammenbasteln», besorgt.

Heute besteht eine Ungleichbehandlung von Müttern – die seit 2005 Anspruch auf einen bezahlten Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen haben – und Vätern, die nur einen einzigen freien Tag erhalten. Dieser Tag wird den Vätern im Rahmen der «üblichen freien Tage» gemäss Obligationenrecht (Art. 329 Abs. 3) gewährt, d.h. als ausserordentliche Abwesenheit, die Arbeitnehmenden zusteht, um persönliche Angelegenheiten zu regeln. Bei einer Geburt in der Familie präsent zu sein und familiäre Pflichten zu übernehmen, wird somit nicht höher gewichtet als ein Umzug oder ein Zahnarztbesuch.

Notlösungen auf Kosten der Gesundheit

Väter, deren Arbeitgeber auf privater Ebene keinerlei Lösungen anbieten, müssen deshalb mit Notlösungen vorlieb nehmen. Wie sehen diese aus? Die künftigen Väter sparen in den Monaten vor der Geburt Ferientage zusammen oder leisten mehr Überstunden, die sie dann bei der Geburt einziehen können. Eine solche Strategie bleibt nicht ohne Folgen für die Gesundheit… und ist nicht gesetzeskonform! Denn das Gesetz definiert Ferien als arbeitsfreie Zeit, die dazu dient, sich zu erholen. Gerade weil der Druck am Arbeitsplatz ständig zunimmt und die Fristen immer kürzer werden, ist es heute wichtiger denn je, dass sich die Arbeitnehmenden erholen können. Dass Väter bei der Geburt eines Kindes Ferien nehmen müssen, zahlt sich nicht aus, denn diese Zeit eignet sich nicht zur Erholung, ganz im Gegenteil. Bei der Geburt eines Kindes muss die gesamte Familienstruktur umgestellt werden, und die Eltern sind rund um die Uhr gefordert.

Gleichzeitig bleiben Wöchnerinnen immer weniger lang im Spital, weil die Gesundheitskosten eingedämmt werden sollen. Schon kurz nach der Geburt kommt die Mutter wieder nach Hause, und wenn ein Paar bereits eines oder mehrere Kinder hat, ist die Anwesenheit des Vaters unabdingbar, damit der Haushalt, die Kinderbetreuung und die Pflege von Ehefrau und Neugeborenem reibungslos funktionieren. Zur Erinnerung: Heutzutage können immer weniger junge Familie auf die Unterstützung von Angehörigen zählen, etwa weil die Grosseltern arbeiten oder die Familienmitglieder zu weit voneinander entfernt wohnen.

Deshalb gefährden Männer, die sich bei der Geburt ihres Kindes selber eine «Vaterzeit» zusammenbasteln, ihre Gesundheit. Sie sind bereits müde, wenn das freudige Ereignis eintritt, da sie ihre Ferien gespart oder mehr Arbeitsstunden geleistet haben, und sie kehren nach einigen psychisch und körperlich anstrengenden Tagen noch erschöpfter an ihren Arbeitsplatz zurück, ohne dass sie sich regenerieren konnten. Diese aufgestaute Müdigkeit schränkt mit Sicherheit die Produktivität ein und kann für den Arbeitnehmer sogar gefährlich sein.

Investitionen von 180 Millionen für den Schutz der Gesundheit der Väter

Weil heute andere Arbeits- und Familiensituationen dominieren als noch vor einer Generation, ist das Argument nicht mehr plausibel, Kinder seien ausschliesslich Privatsache und gingen den Staat nichts an. Eine bezahlte Auszeit für Väter bei der Geburt eines Kindes wäre gemäss Schätzungen von Travail.Suisse mit Kosten von rund 180 Millionen Franken pro Jahr verbunden3. Es wäre eine Investition in die Familie, zum Schutz der Arbeitnehmer und zur Beseitigung einer Ungleichbehandlung von Frauen und Männern.

Zwar müssen sich die Väter nicht von den körperlichen Folgen einer Geburt erholen. Sie müssen aber zusätzliche anstrengende Pflege- und Betreuungsaufgaben übernehmen, wenn ein Baby im Haus ist, ganz zu schweigen von den emotionalen Herausforderungen dieser Zeit. Weshalb sollte ein Arbeitnehmer seine Gesundheit aus Spiel setzen müssen, um seiner Rolle als Vater gerecht zu werden? Nicht nur die Unternehmen brauchen optimale Rahmenbedingungen, sondern auch die Familien.

1Siehe Medienservice vom 19. März 2012

2Siehe Medienservice vom 4. Juni 2012

3Bei einem 20-tägigen Urlaub mit 80% Lohn wie bei der Mutterschaftsentschädigung. Siehe Medienservice vom 4. Juni 2012 für Einzelheiten zur Schätzung.

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PD Zusammengebastelter Vaterschaftsurlaub geht auf Kosten der Gesundheit.doc 110 KB

27. August 2012, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Der Vaterschaftsurlaub setzt sich bei Arbeitgebern der öffentlichen Hand durch

Die 25 grössten Städte und alle 26 Kantone haben an der fünften Umfrage zu den Elternurlauben von Travail.Suisse teilgenommen. Beim Vaterschaftsurlaub wurden in diesem Jahr zwar nur geringe Fortschritte erzielt; die Arbeitgeber der öffentlichen Hand haben indes ein zunehmend offenes Ohr für die familiären Anliegen ihrer Mitarbeitenden. In den von den Verbänden von Travail.Suisse ausgehandelten Gesamtarbeitsverträgen (GAV) sind bei den Elternurlauben und insbesondere beim Vaterschaftsurlaub allmählich Fortschritte zu erkennen. Die Zeit für die Einführung einer nationalen Lösung ist gekommen, damit alle Unternehmen den frisch gebackenen Vätern einen ihnen vorbehaltenen, bezahlten Urlaub anbieten können. mehr

Gemeinsam mit den Nationalräten Valérie Piller Carrard und Marco Romano stellte Travail.Suisse die fünfte Ausgabe ihrer jährlich bei den öffentlichen Arbeitgebern durchgeführten Umfrage den Medien vor1. Diese Umfrage gibt Aufschluss darüber, welche Politik die Kantone und die grossen Städte gegenüber den bei ihnen beschäftigten jungen Eltern, Männern wie Frauen, verfolgen.

Die Bundesverwaltung, mit fast 35’000 Mitarbeitenden die grösste öffentliche Arbeitgeberin des Landes, schneidet sehr gut ab. Frauen können bei Mutterschaft einen viermonatigen Urlaub in Anspruch nehmen, Männer erhalten einen bezahlten Urlaub von 5 Tagen, um erste Bande zu ihrem Kind zu knüpfen und das Familienleben zu organisieren, und Väter und Mütter können bei einer Adoption einen bezahlten Urlaub von zwei Monaten beziehen.

Mutterschaftsurlaub oft zu 100 Prozent bezahlt

Eine Mehrheit der Kantone bietet ihren Mitarbeiterinnen einen längeren und besser bezahlten Mutterschaftsurlaub, als es das gesetzliche Minimum mit 14 Wochen und 80 Prozent Lohn vorschreibt. In der Regel ist ein Mutterschaftsurlaub von 16 Wochen bei 100 Prozent Lohn vorgesehen. Derselbe Trend ist bei 18 grösseren Städten des Landes festzustellen. Besonders bemerkenswert ist der Kanton Genf, wo drei Städte – nämlich Genf, Vernier und Lancy – den bei ihnen beschäftigten frisch gebackenen Müttern sogar einen Urlaub von 20 Wochen bieten. Die Auszahlung des vollen Lohnes ist vollumfänglich gerechtfertigt angesichts der Kosten, welche nach der Geburt des Kindes auf die jungen Eltern zukommen.

Bezahlter Vaterschaftsurlaub auf dem Vormarsch

Die Hälfte der kantonalen Verwaltungen (13 Kantone), darunter alle in der Westschweiz, gewährt den bei ihnen beschäftigten jungen Vätern einen Urlaub. Die Kantone Jura und Freiburg haben auf Anfang dieses Jahres einen Vaterschaftsurlaub von 12 Tagen (oder 17 Tage bei Mehrlingsgeburten) bzw. 5 Tagen eingeführt.

Die Städte übertreffen die kantonalen Verwaltungen: Etwas mehr als die Hälfte (13) der 25 befragten Städte gewährt Vätern einen 5-tägigen bezahlten Urlaub. Ausserdem geben fünf Städte 10 Tage Urlaub (Zürich, Winterthur, Luzern, Köniz, Vernier). Eine besondere Auszeichnung verdienen Genf, Lausanne und Bern, wo die Väter ohne bedeutende finanzielle Konsequenzen 4 Wochen bzw. 21 Tage oder 3 Wochen ihrer Arbeit fernbleiben können.

Ein Drittel der Gesamtarbeitsverträge sieht einen Vaterschaftsurlaub vor

Zum ersten Mal wurde eine Tabelle der GAV und Unternehmensverträge veröffentlicht, die von den elf Verbänden, die Travail.Suisse angehören, in allen Branchen und Regionen der Schweiz ausgehandelt wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass ein Vaterschaftsurlaub von 5 Tagen langsam auf dem Vormarsch ist. Ein Drittel der 90 ausgehandelten Verträge sieht einen den Vätern vorbehaltenen, bezahlten Urlaub vor. Die grosszügigsten Regelungen kennen die Unternehmen Huntsman mit 15 Tagen sowie BASF und Swisscom mit 10 Tagen.

Was den Mutterschaftsurlaub angeht, so werden den Mitarbeiterinnen häufig 16 Wochen gewährt, teilweise sogar 18 (Papierindustrie, Pharma- und Chemieindustrie Basel, Huntsman) oder 20 Wochen (Alters- und Pflegeheime Genf).

Die Gesamtarbeitsverträge tragen zu grösserem Wohl und besseren Arbeitsbedingungen bei, auch für Eltern. Bis das Parlament Bestimmungen erlässt, die der gesamten Bevölkerung zugute kommen, werden die Mitgliedsorganisationen von Travail.Suisse die Aufgabe übernehmen, im Rahmen der Sozialpartnerschaft familienfreundliche Bedingungen auszuhandeln.

Adoptionsurlaub und unbezahlter Elternurlaub haben nichts Exotisches an sich

Die Hälfte der Kantone hat einen Adoptionsurlaub eingeführt. In diesem Jahr hat auch Zug diesen Schritt gemacht. Dort, wo es einen Adoptionsurlaub gibt, dauert er mehrere Wochen, nämlich 8 bis 20 (Genf). Bei den Städten gewähren 16 einen solchen Urlaub. Was den unbezahlten Elternurlaub betrifft, so wird dem Personal diese Möglichkeit in fast allen Kantonen (21) und Städten (24) angeboten. Die Dauer ist jedoch oft nicht klar geregelt. Die besten Bedingungen diesbezüglich bieten die Stadt Bern und der Kanton Genf, die bis zu zwei Jahren Urlaub aus familiären Gründen gewähren.

Besondere Erwähnung verdient der Kanton Jura, der auf einen Schlag einen Vaterschaftsurlaub von 12 Tagen, einen Mutterschaftsurlaub von 16 Wochen, einen zusätzlichen Stillurlaub von 4 Wochen und einen Adoptionsurlaub von 16 Wochen eingeführt hat.

Investitionen in familienfreundliche Massnahmen zahlen sich aus

Das vorherige Parlament befasste sich mehrmals mit Vorschlägen zur Änderung der eidgenössischen Bestimmungen, insbesondere zu Gunsten der Väter, jedoch bis heute erfolglos. Die neu gewählten Nationalräte Valérie Piller Carrard (SP FR) und Marco Romano (CVP TI) haben beschlossen, sich für den Vaterschafts- und den Adoptionsurlaub einzusetzen. Ihre Motionen kommen zu jenen ihrer dienstälteren Kolleginnen und Kollegen im Bundeshaus hinzu. Bisher wurden Fortschritte in diesem Bereich mit den Hinweis auf die Kosten unterbunden. Berechnungen auf der Basis der Kosten des Mutterschaftsurlaubs aus dem Jahr 2010 ergeben, dass ein bezahlter Vaterschaftsurlaub von 20 Tagen 180 Millionen Franken pro Jahr zu Lasten der Arbeitnehmenden und Arbeitgebenden2 kosten würde. Der Adoptionsurlaub kostet nur 3,5 Millionen3. Wird das zu einem Drittel erneuerte Parlament nun endlich die richtigen familienpolitischen Entscheidungen treffen? Travail.Suisse wird sich weiterhin mit Nachdruck dafür einsetzen.

Wie es lange auch beim Mutterschaftsurlaub der Fall war, sind heute nur Arbeitgeber der öffentlichen Hand und Unternehmen mit einem gesunden finanziellen Fundament in der Lage, ihren Mitarbeitenden Elternurlaube und weitere familienfreundliche Massnahmen zu bieten. Sie haben die Botschaft, dass solche Investitionen einen Return on Investment von etwa 8 Prozent bewirken4, klar verstanden.

Eine landesweite Lösung nach dem Vorbild des Mutterschaftsurlaubs würde dafür sorgen, dass sich Kosten und Risiken der Elternurlaube auf alle Arbeitgeber verteilen, was allen Unternehmen, insbesondere den KMU, ermöglicht, ebenfalls auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden einzugehen. Eine nationale Lösung sorgt auch für Solidarität zwischen allen arbeitenden Personen, unabhängig von Einkommen und Wohnort. Es wird Zeit zu begreifen, dass familienfreundliche Massnahmen nicht als Argument im Wettbewerb zwischen Unternehmen eingebracht werden sollten, sondern als Teil einer verantwortungsvollen, vorausschauenden nationalen Familienpolitik, welche die heutigen Probleme von Familien berücksichtigt und den künftigen Herausforderungen in Zusammenhang mit der gesellschaftlichen und demografischen Entwicklung in unserem Land begegnet.

1Die Tabellen zu den in den Verwaltungen der Kantone und der grossen Städte gewährten Elternurlauben können abgerufen werden unter http://www.travailsuisse.ch / Themen: Familie – Arbeit und Familie (http://www.travailsuisse.ch/de/node/3183).

2Die Schätzungen beruhen auf einer paritätischen Finanzierung Arbeitgeber/Arbeitnehmer nach demselben Modell wie beim Mutterschaftsurlaub, d.h. durch die Erwerbsersatzordnung (EOG). Die Berechnung berücksichtigt die Anzahl jährlicher Geburten, inkl. Mehrlingsgeburten, die Erwerbsquote der Männer, das höhere Lohnniveau der Männer und die durchschnittliche Höhe der ausgerichteten Mutterschaftsentschädigungen.

3Die Schätzungen zu den vom Adoptionsurlaub verursachten Kosten gehen davon aus, dass die Frauen dieselbe Anzahl Taggelder erhalten wie bei einer «natürlichen» Geburt (98 Tage) und dass die Männer einen Vaterschaftsurlaub von 20 Tagen beziehen können.

4Modellrechnung am Beispiel des fiktiven Unternehms «Familien AG» mit 1500 Mitarbeitenden. «Betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Analyse familienfreundlicher Unternehmenspolitik», Prognos AG, Trägerschaft: Eidgenössisches Volkswirtschaftsdepartement, Migros, Die Schweizerische Post, Novartis, Raiffeisen. Basel, 2005.

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PD Der Vaterschaftsurlaub setzt sich bei Arbeitgebern der öffentlichen Hand durch.doc 128 KB

04. Juni 2012, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Vaterschaftsurlaub: Die Stadt Genf ist am grosszügigsten

Die letzte Woche von Travail.Suisse veröffentlichte Umfrage zu den von den Arbeitgebern der öffentlichen Hand gewährten Elternurlauben enthielt leider einen Fehler: Die Stadt Genf gewährt ihren Angestellten, die Vater werden, vier Wochen Urlaub. Damit ist sie in Sachen Vaterschaftsurlaub die grosszügigste der 25 grössten Städte der Schweiz. mehr

Leider enthielten die Tabellen zu den verschiedenen Urlauben, die die Arbeitgeber der öffentlichen Hand ihren Angestellten gewähren und die Travail.Suisse anlässlich der Medienkonferenz vom 24. Mai veröffentlicht hat, einen Fehler: Die Stadt Genf gewährt ihren Angestellten, die Vater werden, nicht nur 2 Tage, sondern 4 Wochen Vaterschaftsurlaub. Damit ist sie in Sachen Vaterschaftsurlaub die grosszügigste Stadt der Schweiz.

Neben dem Vaterschaftsurlaub gewährt die Stadt Genf den Müttern einen Mutterschaftsurlaub von 20 Wochen bei 100 Prozent des Lohnes (anstatt des gesetzlichen Minimums von 14 Wochen zu 80 Prozent des Lohns), 20 Wochen Adoptionsurlaub, welcher von Vater oder Mutter bezogen werden kann, und ein Jahr Elternurlaub mit der Garantie auf Rückkehr an den Arbeitsplatz, den der oder die Angestellte vor dem Urlaub innehatte.

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Congés parentaux 25Villes 2012 D CORR 0-1.doc 122 KB

29. Mai 2012, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon